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Dienstag, 11. Dezember 2007

Nur ein kurzer Hinweis...

... auf eine lesenswerte Rezension der hier schon vorgestellten Studie über die Liturgie der französischen Königssalbung in der frühen Neuzeit: Josef Johannes Schmid: Sacrum Monarchiae Speculum.

Der Autor der Rezension, Jens Ivo Engels, vom historischen Seminar der Uni Freiburg würdigt darin die intensive Auseinandersetzung Schmids mit der Salbungsliturgie, bemängelt aber die eingeschränkte Perspektivik, die z.b. soziale und ökonomische Dimensionen völlig außer Acht lasse.
Als Resüme fasst der Engels zusammen:

Die Arbeit hat ihre Verdienste, was die Rekonstruktion des Sacre und die Erschließung der entsprechenden Quellen angeht. Sie weist jedoch fundamentale darstellerische und methodische Defizite auf und liest sich streckenweise wie ein royalistisches Pamphlet.
Mir erschließt sich die Kohärenz der beiden Aussagen im letzten Satz nicht, aber das liegt wohl wiederum in der Perspektivik begründet.

Freitag, 9. November 2007

"Was ist ein Vasall?"

Seit rund anderthalb Wochen führt Google diesem "Gedankenexperiment" eine Anzahl von Besuchern zu. Der SEO ("Search Engine Optimizer") wird die Gründe erraten. Unter den Besuchern finden sich viele, die wissen wollen, wer oder was ein Vasall ist. Solche Anfragen sollen nicht unbeantwortet bleiben, von daher hier ein kurzer Antwortversuch.

Eines vorneweg: Ich studiere zwar geschichtliche Fächer und habe ein gewisses Grundwissen, doch erheben die folgenden Worte keinen Anspruch, eine abgerundete wissenschaftliche Abhandlung zu sein. Sie sind vielmehr Ergebnis zusammengetragenen Wissens (in dem Zusammenhang wäre das Werk von Michael Mitterauer: Warum Europa? zu empfehlen) und die Frucht von Betrachtung und Gebet.

Genug der Vorrede.

Kurz gesagt: Ein Vasall ist ein Mensch, der seine Freiheit liebt, und deswegen zu dienen bereit ist.

Vasallen waren Männer, die im Mittelalter ihr Leben in die Hände eines weltlichen Oberen (Lehnsherr) legten und ihm die Treue (Lehnstreue) versprachen. Anders als heute handelte es sich hierbei um ein freiwilliges Verhältnis, welches auch nicht an territoriale Herkunft gekoppelt war. Das Verhältnis zwischen Staat und Individuum, wie es sich in der Lehnsherrschaft ausdrückt, war ein personales Verhältnis. Der Vasall versprach dem Lehnsherrn zu dienen, im Gegenzug versprach der Lehnsherr den Vasall zu schützen. Diese Bindung war von der Idee her, und daher meist auch in der Praxis Garant für Stabilität. Am besten ließe sich das aus heutiger Sicht mit familiären Bindungen vergleichen. In der Tat übernahm der Lehnsherr oft auch die Patenschaft für die Kinder des Vasallen. Die Lehnsherrschaft war somit nicht Aufgabe der Freiheit, sondern im Gegenzug Einsatz und damit wiederum Garant der Freiheit. (Freiheit meint ja nicht, dass viele Möglichkeiten bestehen, sondern dass ich in der Lage bin, eine Möglichkeit zu wählen und bei dieser Wahl zu bleiben.)

Zwei Gesten drücken den Ethos dieser Lehnsbeziehung gut aus. Die erste Geste ist das gebeugte Knie. Diese Kniebeuge drückt die Dienstbereitschaft aus. Sie ist aufrecht, was heißt, dass der Kopf nicht gesenkt wird. Die zweite Geste sind die gefalteten Hände. Diese werden von den Händen des Lehnsherrn umschlossen - zum Zeichen, dass er den Dienst annimmt und seinen Schutz zusagt.

Nun ist der kundige Leser aufmerksam geworden. Obige Gesten sind schließlich wichtiger Bestandteil katholischer Frömmigkeit. In der Tat: Die Lehnsbeziehung stand Pate beim Einzug solcher Gesten in die Liturgie. Das hat seinen guten Grund - Dienst und Vertrauen in Gottes Schutz sind die zwei Grundachsen einer gesunden Gottesbeziehung. Wer nicht bereit ist, Gott mit aller Kraft zu dienen, wird Gott als Lückenbüßer, als Gebetsautomaten oder als süßliche Gefühlsduselei sehen. Wer hingegen kein Gottvertrauen hat, wird sich in diesem Dienst zuviel abverlangen, er wird alles wollen und nichts vollbringen.

So ist jeder Christ Vasall - Vasall Gottes.

Wie sieht es aber im staatlichen Bereich aus? Der regelmäßige Leser wird wohl schon gemerkt haben, dass dieses "Gedankenexperiment" keine Umsturzseite ist. Es wäre wohl absurd, an dieser Stelle die Wiedereinführung des mittelalterlichen Lehnswesens zu fordern. Doch meine ich, dass die Betrachtungen über das Lehnswesen zu der Erkenntnis führen, was denn im modernen Staat (und in ähnlichem Maße in der Wirtschaft, in den Kapitalgesellschaften) fehlt. Es fehlt der personale Bezug. Dienst setzt ein Gegenüber voraus. Dieses Gegenüber ist in unserer Gesellschaft abhanden gekommen.

Mittwoch, 27. Juni 2007

Sacrum Monarchiae Speculum

Für den "bescheidenen" Preis von 79 € kann man eine interessante wissenschaftliche Novität erstehen. Der Mainzer Historiker Josef J. Schmid hat eine Studie über die Herrscherweihe, den sogen. "Sacre", Ludwigs XV. im Jahre 1722 verfasst. Erschienen ist das Werk im Aschendorf-Verlag, aus dessen Neuheitenkatalog untenstehender Beitrag stammt.

Der Sacre Ludwigs XV. 1722:
Monarchische Tradition, Zeremoniell, Liturgie

Reims, 25. Oktober 1722: In der Cathedrale Notre Dame wird der 12-jährige Louis XV zum König von Frankreich geweiht. Das traditionelle Zeremoniell, vor allem die Salbung mit dem in der Heiligen Ampulle verwahrten »Himmelsöl«, machen den »König von Blut und Rechts wegen« erst zum Nachfolger Chlodwigs, zum Garanten und Repräsentanten der »alliance« Gottes mit Frankreich, zum Ebenbild der alttestamentarischen Könige, zum Haupt und Lenker der gallikanischen Kirche.

Aufgabe und Anspruch des vorliegenden Bandes ist es, gerade für die in dieser Hinsicht ansonsten eher stiefmütterlich behandelte Frühe Neuzeit Bedeutung und Wert von monarchischem Zeremoniell und monarchischer Tradition zu illustrieren. In welcher Weise prägt ein vermeintlich mittelalterliches und vormodernes heilsgeschichtliches Verständnis Zeit und Denken des frühen 18. Jahrhunderts? In wie weit ist der liturgischzeremonielle Akt der Königsweihe sinnbildlich, ja fundamental für das Verständnis der französischen Monarchie selbst?

Eine in drei große Abschnitte gegliederte Untersuchung versucht Antworten auf diese grundlegenden Fragen zu geben. Dabei wird die Liturgie des Sacre erstmals einer interdisziplinären, zeremonial-, liturgie-, geistes- und musikwissenschaftliche Ansätze einschließenden Analyse unterzogen und ebenso erstmals der gesamte Text der Weiheliturgie dem Leser zugänglich gemacht.


Ich habe das Werk natürlich nicht gelesen, im Moment fehlt mir auch das Geld, dieses zu kaufen. Falls ich es in die Hände bekomme, werde ich an dieser Stelle darüber berichten.

In einem Beitrag über die Königskantate Bachs hatte ich bereits auf die Vorstellung einer gottgebundenen Monarchie hingewiesen. Die Liturgie der Herrscherweihe drückt diese Gottgebundenheit am intensivsten aus. Das Salböl, die Krone, die Gebete zeigen auf, dass das Königtum nicht aufgrund Leistung verliehen wird, nicht um Opportunität buhlen muss, sondern ursprünglich Geschenk ist. Und zwar kein Geschenk an den Monarchen, sondern Geschenk an das Volk. Ich möchte hierzu ein Zitat eines französischen Bischofs abändern: "Ein König, der nicht dient, dient zu nichts." Und hier gilt desweiteren das Wort Christi: "Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." Daher soll der Herrscher immer zugleich Gott und dem Volk dienen.

Es wäre natürlich notwendig, auf die Dienstverpflichtung des Untertans (oder besser auf Englisch: Subject) hinzuweisen, doch das soll ein andermal geschehen.

Nachtrag: Wie ich gerade sehe, hat Schmid auch das Vorwort zu Raspails Roman Sire verfasst. Ein Grund mehr, Zugang zu der Studie über das Sacre zu kriegen.

Dienstag, 29. Mai 2007

Zum Fall des östlichen Kaiserreiches

Ein Beitrag auf Konjunktiv2.de weist darauf hin, dass sich heute der Fall Konstantinopels zum 554. Mal jährt.

Letzter Kaiser des byzantinischen Reiches war Konstantin XI. (XII.) Dragases. Er war der erste Kaiser Byzanz' seit rund 1000 Jahren, der nicht in der Hauptstadt gekrönt wurde. In größter Not wandte er sich an den Westen um Hilfe und verkündete die Wiederherstellung der kirchlichen Einheit der Griechen und Lateiner (die freilich nicht von großer Dauer war).

Nur 500 Genuesen, angeführt von Giovanni Longo Giustiniani (ital.), erreichten die Stadt rechtzeitig, zehn von Papst Nikolaus V. entsandte Schiffe erreichten ihr Ziel zu spät.

So sah sich der Kaiser einem aussichtslos stärkeren Feind gegenüber, der zudem mit Schwarzpulver-Kanonen ausgerüstet war. Zahlreiche Legenden (zur Verwendung des Wortes Legende vergleiche den Beitrag über den hl. Georg) ranken sich um die Schlacht. Der Kaiser soll sich all seiner Insignien entledigt haben und selbst das Schwert ergriffen haben. Es wird berichtet, dass er an den Toren der Stadt kämpfte, doch sein Leichnam wurde nie gefunden.

Von den orthodoxen Gläubigen wurde Konstantin XI. schon bald als Heiliger verehrt. Allerdings wurde seine Verehrung niemals offiziell bestätigt, da das unter osmanischer Herrschaft einen großen Affront dargestellt hätte. Die Ikone des Kaisers ist jedoch sichtbares Zeichen einer tiefen Verankerung seiner Verehrung im orthodoxen Volk.

Update: Auf dem Blog von Lycidas findet sich ein interessanter Kommentar zum Fall Konstantinopels und seiner Bedeutung für die heutige Zeit.

Mittwoch, 25. April 2007

Stifter der Reiche, Beherrscher der Kronen

Seit 1723 wirkte Johann Sebastian Bach als Kantor der Thomaskirche in Leipzig. Neben den zahlreichen geistlichen Werken, die er in dieser Zeit komponierte, widmete er einige seiner weltlichen Kantaten seinem Landesherrn, dem Kurfürst von Sachsen und König von Polen, August III.

Die Kantate Preise dein Glücke, gesegnetes Sachsen, komponiert zum Jahrestag der Krönung Augusts am 5. Oktober 1734 enthält eine Reihe schöner Melodien und Texte.

Der Abschlusschor:

Stifter der Reiche, Beherrscher der Kronen,
Baue den Thron, den Augustus besitzt.
Ziere sein Haus
Mit unvergänglichem Wohlergehn aus,
Laß uns die Länder in Friede bewohnen,
Die er mit Recht und mit Gnade beschützt.
Sehr schön ist auch das erste Rezitativ der Kantate:
Wie können wir, großmächtigster August,
Die unverfälschten Triebe
Von unsrer Ehrfurcht, Treu und Liebe
Dir anders als mit größter Lust
Zu deinen Füßen legen?
Fließt nicht durch deine Vaterhand
Auf unser Land
Des Himmels Gnadensegen
Mit reichen Strömen zu?
Und trifft nicht unsre Hoffnung ein,
Wir würden noch zu unsrer Ruh
In deiner Huld, in deinem Wesen
Des großen Vaters Bild und seine Taten lesen?

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